Überblick
Windenergie ist der größte Einzelbaustein des deutschen Strommixes und bleibt es auf absehbare Zeit. Doch zwischen dem politischen Ziel von zwei Prozent Flächenanteil für Windkraft und der tatsächlichen Inbetriebnahme einer Anlage liegen komplexe Planungs- und Genehmigungsverfahren — und zunehmend auch die Frage, wie der erzeugte Strom gespeichert und systemdienlich genutzt werden kann. Diese Weiterbildung qualifiziert für genau diesen Kompetenzbereich: die methodisch und rechtlich fundierte Planung von Windenergiestandorten, ihre räumliche Analyse mit geografischen Informationssystemen (GIS) und die technische Einordnung von Speichersystemen als systemintegrierende Komponente. Die Qualifikation vereint drei Domänen, die in der Praxis eng zusammenhängen, aber selten gemeinsam gelehrt werden: Raumplanung und Planverfahren für Windkraftanlagen, GIS-gestützte Standortanalyse und Flächenkulisse, sowie Speichertechnik und ihre Einsatzszenarien im Stromsystem. Wer alle drei Perspektiven beherrscht, kann in Planungsbüros, bei Projektentwicklern, in Kommunen und Genehmigungsbehörden als kompetente Ansprechperson über Disziplingrenzen hinweg agieren.
Kursinhalte & Lernziele
Planverfahren Windenergie: Recht, Fläche und Verfahren Das erste Modul legt die rechtliche und verfahrensmäßige Grundlage für die Planung von Windkraftanlagen. Von der raumordnerischen Steuerung über die Ausweisung von Windenergiebereichen bis zum Genehmigungsantrag nach BImSchG wird der gesamte Planungsprozess nachvollzogen.
- Raumordnungsrecht und Regionalplanung: Windenergiebereiche nach dem Windenergieflächenbedarfsgesetz (WindBG)
- Privilegierung nach § 35 BauGB und die Zwei-Prozent-Flächenvorgabe
- Immissionsschutzrechtliches Genehmigungsverfahren (BImSchG) für Windkraftanlagen
- Ausschluss- und Restriktionsflächen: Abstände zu Siedlungen, Naturschutz, Militär, Flugsicherung
- Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) und artenschutzrechtliche Prüfung
- Öffentlichkeitsbeteiligung, Einwendungsverfahren und Rechtsmittel
GIS-gestützte Standortanalyse und Weißflächenermittlung GIS ist das unverzichtbare Werkzeug der modernen Windenergie-Planung. Dieses Modul vermittelt die Methodik der räumlichen Analyse zur Identifikation geeigneter Windenergieflächen und zur Konfliktprüfung mit Ausschlussgebieten.
- GIS-Grundlagen für die Energieplanung: Geodaten, Projektion, Vektoren und Raster
- Geodatenquellen für Deutschland: Geobasisdaten, UBA-Daten, OpenStreetMap, Windkarten
- Weißflächenanalyse: Verschneidung von Eignungs- und Ausschlussflächen
- Pufferzonen, Abstandsberechnungen und automatisierte Flächenbewertung
- Windpotenzialanalyse auf Basis von Windatlas-Daten
- Kartographische Aufbereitung und Export für Planungsberichte und Beteiligungsverfahren
Digitale Betriebsführung und Sensorik Moderne Windkraftanlagen sind datenreiche Systeme. Dieses Modul gibt Einblick in die Architektur der digitalen Betriebsführung — von der Erfassung von Betriebs- und Umweltdaten bis zur prädiktiven Instandhaltung.
- SCADA-Systeme für Windkraftanlagen: Aufbau, Datenpunkte, Fernüberwachung
- Sensorik: Windmessung, Schwingungsüberwachung, Eiserkennungssysteme
- Big Data und Condition Monitoring: Anomalieerkennung und Frühwarnsysteme
- Digitale Dokumentation und Betriebsberichterstattung
- Schnittstellen zu Netzleitstellen und Direktvermarktung
Speichertechnik: Technologien, Einsatzfelder und Systemintegration Windstrom muss nicht sofort verbraucht werden — Speicher sind der Schlüssel zur systemdienlichen Nutzung. Dieses Modul erklärt Speichertechnologien in ihrer Tiefe und ordnet sie in reale Einsatzszenarien ein.
- Batteriespeicher für stationäre Anwendungen: Li-Ion, Redox-Flow, Natrium-Schwefel
- Pumpspeicherkraftwerke und ihre Rolle in der deutschen Stromsystemarchitektur
- Anwendungen: Ride-Through, Power Quality, Spannungshaltung, Peak Shaving
- Netzdienstleistungen: Primärregelung, Frequenzhaltung, Blindleistungsbereitstellung
- Virtuelles Kraftwerk: Aggregation von Erzeugungs- und Speichereinheiten
- Speicher der Zukunft: Druckluftspeicher, Gravitationsspeicher, Wasserstoff
Praxisblock
- GIS-Übung: Weißflächenanalyse für ein fiktives Plangebiet mit Ausschlusskriterien und Pufferzonen
- Aufbau einer Geoanalyse zur Windpotenzialermittlung auf Basis öffentlicher Windatlas-Daten
- Erstellung einer Konfliktflächenkarte für Naturschutz, Abstandsregeln und Siedlungen
- Strukturierung eines BImSchG-Genehmigungsantrags für eine Windenergieanlage (Gliederung und Prüfcheckliste)
- Analyse eines SCADA-Betriebsdatensatzes auf Anomalien und Produktionsausfälle
- Bewertung verschiedener Speicherlösungen für einen Windpark (Leistung/Kapazitätsverhältnis, Zyklen, Kosten)
- Kalkulation einer Peak-Shaving-Applikation für einen Windpark mit Netzeinspeisespitze
- Einordnung eines realen Windenergie-Planverfahrens anhand öffentlich zugänglicher Planungsunterlagen
- Diskussion eines virtuellen Kraftwerks: Welche Einheiten werden aggregiert, und wie funktioniert das Dispatch-Modell?
- Erarbeitung einer Standortbewertungsmatrix für einen fiktiven Windkraftstandort
- Recherche und Zusammenfassung der aktuellen Ausschlussflächen-Regelungen eines Bundeslandes
- Kartographische Präsentation der eigenen GIS-Analyse vor der Gruppe
Der Praxisblock verbindet GIS-Werkzeugkompetenz mit planungsrechtlichem Urteilsvermögen und technischem Systemverständnis — und ermöglicht so einen vollständigen Blick auf das Handlungsfeld.
Lernziele:
- Das Planverfahren für Windkraftanlagen vom Regionalplan bis zur immissionsschutzrechtlichen Genehmigung verstehen
- Privilegierung nach § 35 BauGB und die Flächenausweisungspflicht nach EEG/WindBG erklären
- Ausschluss- und Restriktionsflächen sowie Abstands- und Abstandsregeln für WKA kennen und anwenden
- GIS-Werkzeuge für die Weißflächenanalyse und Gebietskulisse für Windenergie einsetzen
- Standortkriterien wie Windertrag, Netzanbindung, Schallausbreitung und Schattenwurf räumlich analysieren
- Öffentlichkeitsbeteiligung und Einwendungsverfahren in Windenergie-Planprozessen strukturieren
- Digitale Betriebsführung von Windkraftanlagen: Sensorik, SCADA und Betriebsdatenanalyse
- Einsatzbereiche und Dimensionierungsprinzipien von Batteriespeichern, Pumpspeichern und anderen Großspeichern verstehen
- Anwendungen wie Ride-Through, Power Quality, Peak Shaving und Netzdienstleistungen beschreiben
- Virtuelle Kraftwerke und aggregierte Speicherkonzepte in der Praxis einordnen
- GIS-Daten beschaffen, verarbeiten und für Planungsdokumente aufbereiten
Zielgruppe & Voraussetzungen
Diese Weiterbildung richtet sich an Fachleute aus Planung, Ingenieurwesen und GIS, die im Bereich Windenergie und Speichertechnik tätig sind oder werden möchten.
- Ingenieurinnen und Ingenieure aus Bauwesen, Elektrotechnik, Umwelt- oder Energietechnik
- Raum- und Umweltplaner:innen mit Interesse an erneuerbaren Energien
- GIS-Fachkräfte, die ihr Anwendungsfeld auf die Energieplanung ausweiten möchten
- Hochschulabsolvent:innen mit technischem oder planerischem Hintergrund
- Fachleute aus Kommunalverwaltungen, Genehmigungsbehörden oder Projektentwicklung
Vorausgesetzt wird ein Hochschulabschluss in Bauingenieurwesen, Elektrotechnik, Raum- oder Umweltplanung, Maschinenbau oder einem vergleichbaren technischen Fach. Sehr gute Computerkenntnisse sind erforderlich, da GIS-Software intensiv eingesetzt wird. Grundlegendes Verständnis von Planungsrecht und technischen Systemen erleichtert den Einstieg erheblich, ist aber nicht formal vorgeschrieben. Erste Erfahrungen mit GIS oder Geodaten sind von Vorteil.
Ablauf & Abschluss
Theoretische Einführungen in Planrecht, Speichertechnik und Systemarchitektur werden mit GIS-Praxisübungen und Planungsfallstudien verbunden. Die GIS-Übungen laufen mit einem Standardwerkzeug (z. B. QGIS) und echten oder realitätsnahen Geodaten. Planungsrechtliche Themen werden anhand von Originaldokumenten (Genehmigungsbescheiden, Planfeststellungsunterlagen) analysiert. Speichertechnische Themen werden durch Datenblatt-Analyse und Systemvergleich vertieft. Einzel- und Gruppenarbeit wechseln ab; die abschließende kartographische Präsentation trainiert die Kommunikation raumbezogener Ergebnisse.
Die Weiterbildung ist als Vollzeitqualifikation konzipiert, die in einer kompakten Intensivphase absolviert wird. Je nach Anbieter ist auch ein berufsbegleitendes Format möglich. Die Gesamtstundenzahl orientiert sich an der Breite des Curriculums (drei Domänen: Planrecht, GIS, Speichertechnik).
Die Weiterbildung schließt mit einem trägerinternen Zertifikat ab, das die Qualifikation als Expert:in für Planverfahren Windenergie und Speichertechnik mit GIS dokumentiert. Es handelt sich um ein trägerausgestelltes Dokument, keinen staatlich anerkannten Abschluss. Das Zertifikat belegt gegenüber Arbeitgebern und Auftraggebern die erworbene Kombination aus Planungsrecht, GIS-Kompetenz und Speichertechnikwissen.
Nutzen & Perspektiven
Der Ausbau der Windenergie in Deutschland steht unter enormem Druck: Das Zwei-Prozent-Ziel, das WindBG und die Beschleunigungsgesetzgebung haben die Planungsmaschinerie beschleunigt — was Fachleute für Planverfahren zu einem Engpassfaktor gemacht hat. Planungsbüros, Projektierer, Kommunen und Genehmigungsbehörden suchen gleichermaßen Personal, das Planrecht kennt, GIS beherrscht und technische Systemzusammenhänge versteht. Die Kombination von GIS-Standortanalyse und planrechtlichem Wissen ist dabei besonders wertvoll: Wer eine Weißflächenanalyse selbst durchführen und die Ergebnisse in ein Genehmigungsverfahren einordnen kann, arbeitet auf einem Qualifikationsniveau, das eine Person ohne diese Weiterbildung nicht ohne Weiteres mitbringt. GIS als Werkzeug der modernen Energieraumplanung wird zunehmend zur Standarderwartung in Stellenbeschreibungen für Planungsfachkräfte im Bereich erneuerbarer Energien. Darüber hinaus rundet das Speicherwissen die Qualifikation in Richtung Systemintegration ab — ein Thema, das in der Windenergiebranche an Bedeutung gewinnt, weil Windparks zunehmend mit Batteriespeichern kombiniert werden und Projektierer das Zusammenspiel beider Technologien verstehen müssen. Wer hier fundiert argumentieren kann, ist nicht nur in der Planung, sondern auch in der Projektentwicklung und im Betrieb von Windenergieanlagen eine gefragte Fachkraft.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Welche GIS-Software wird im Kurs eingesetzt?
Der Kurs arbeitet mit einem verbreiteten GIS-Werkzeug wie QGIS (Open Source), das für die Energie- und Raumplanung in Deutschland weit verbreitet ist. Grundkenntnisse in GIS erleichtern den Einstieg, sind aber keine formale Voraussetzung. Die wichtigsten Arbeitsschritte werden im Kurs eingeführt.
Wie aktuell ist das Planungsrecht, das vermittelt wird?
Das Planungsrecht wird auf dem Stand des Windenergieflächenbedarfsgesetzes (WindBG) und der aktuellen Genehmigungspraxis nach BImSchG vermittelt. Änderungen im Beschleunigungsrecht werden einbezogen, soweit sie zum Zeitpunkt der Kursdurchführung in Kraft sind.
Welche Speichertechnologien werden behandelt — nur Batterien?
Der Kurs behandelt ein breites Spektrum: stationäre Batteriespeicher (Li-Ion, Redox-Flow), Pumpspeicherkraftwerke, Druckluftspeicher und zukunftsweisende Konzepte wie Gravitationsspeicher und Wasserstoff. Praxisrelevante Einsatzszenarien wie Peak Shaving und Netzdienstleistungen werden für alle Technologien durchgespielt.
Was ist eine Weißflächenanalyse und warum ist sie für Windenergie wichtig?
Eine Weißflächenanalyse identifiziert durch Verschneidung von Ausschluss- und Restriktionsflächen (Naturschutzgebiete, Siedlungsabstände, Flugsicherung, Militär) jene Flächen, die für die Windenergienutzung prinzipiell in Frage kommen. Das WindBG verpflichtet Bundesländer, solche Potenzialflächen auszuweisen — GIS ist das zentrale Werkzeug dafür.
Ist der Kurs auch für Mitarbeitende in Kommunalbehörden geeignet?
Ja, explizit. Kommunale Planungsämter und Genehmigungsbehörden sind eine Kernzielgruppe, da sie mit BImSchG-Anträgen für Windkraftanlagen und mit der Ausweisung von Windenergiebereichen befasst sind. Das Planungsrecht-Modul und die GIS-Standortanalyse sind direkt auf diese Anwendungsfelder ausgerichtet.
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