Überblick
Chrom-Nickel-Stähle zählen zu den anspruchsvollsten Werkstoffen im Schweißbetrieb. Ihre Neigung zur Sensibilisierung, zur interkristallinen Korrosion und zum Verformungsverzug verlangt ein anderes Vorgehen als das Arbeiten mit Baustahl. Dieser Sonderlehrgang richtet sich an Personen, die bereits Grundkenntnisse im E-Hand-Schweißen mitbringen und diese gezielt auf CrNi-Werkstoffe ausdehnen wollen. Der Kurs schließt mit einer Prüfung nach DVS®-IIW/EWF-Standard ab und vermittelt damit eine international anerkannte Qualifikation für den industriellen Einsatz.
Kursinhalte & Lernziele
Werkstoffkunde Chrom-Nickel-Stähle Chrom-Nickel-Stähle (austenitische Stähle) unterscheiden sich in Gefüge, Wärmeleitfähigkeit und Ausdehnungskoeffizient grundlegend von unlegierten Baustählen. Der Lehrgang beginnt mit einer kompakten werkstoffkundlichen Einheit, die den praktischen Schweißalltag direkt betrifft.
- Gefügeaufbau: Austenit, Ferrit, Mischgefüge bei gängigen CrNi-Sorten (z. B. 1.4301, 1.4307, 1.4404)
- Sensibilisierung und interkristalline Korrosion — Entstehung und Vermeidung durch geeignete Wärmeführung
- Wärmeausdehnung und Verzug: warum CrNi-Bauteile andere Einspannstrategien erfordern
- Elektrodenkennzeichnung (AWS A5.4, EN ISO 3581) und Auswahlkriterien für den jeweiligen Grundwerkstoff
- Schutzgas-Wechselwirkung beim E-Hand-Schweißen: Rückschlüsse aus der Schlackebildung
- Lagerung und Vorwärmung von CrNi-Elektroden
Zwangslagen-Technik mit dem Elektrodenhalter Der handwerkliche Kern des Lehrgangs liegt in der systematischen Schulung der vier DVS®-Pflichtpositionen. Dabei wird die Führungstechnik zunächst am Blech eingeübt, bevor dieselben Positionen an Rohrverbindungen gefordert sind.
- Position PC (quer): Fülllagen und Decklagen mit kontrollierter Pendelgeschwindigkeit
- Position PD (Überkopf-Querposition): Lichtbogenlänge und Stromstärke unter Schwerkraftumkehr
- Position PF (steigend): Stufentechnik und Schwingungsbreite für einwandfreie Nahtgeometrie
- Position PE (Überkopf): Elektrodenwinkel, kurze Lichtbogenlänge, Schutz vor Schlackeneinschluss
- Nachrechts-Schweißen an Blechen: Nahtanlauf, Endkrater, Überlappung bei Mehrlagen
- Optische Nahtbeurteilung nach EN ISO 5817 — Toleranzklassen B und C live am Werkstück
Rohrschweißung und V-Nähte in Stoßarten Die Rohrverbindung ist die anspruchsvollste Prüfaufgabe. Hier treffen komplexe Geometrie, wechselnde Positionen entlang des Rohrumfangs und die Anforderung an die Wurzeldurchschweißung zusammen.
- Fugengeometrie für V-Nähte: Öffnungswinkel, Stegbreite, Luftspalt je nach Wandstärke
- Wurzellagentechnik an Rohrverbindungen ohne Badsicherung und mit Unterlegring
- Nahtfolge und Lagenplan bei Wandstärken ab 5 mm
- Übergang zwischen den Positionen entlang des Rohrumfangs ohne Nahtfehler
- Prüfvorbereitung: Sichtprüfung, Biegeprüfung, Nahtbeurteilung gemäß DVS®-Standard
Praxislabor: Eigenständige Schweißübungen Der überwiegende Teil der Kurszeit findet im Schweißlabor statt. Jede Person arbeitet am eigenen Schweißgerät und fertigt eine steigende Anzahl an Prüfnähten.
- Warmstart-Einstellung und Strom-Spannungs-Anpassung an Elektrodendurchmesser
- Wurzellage an Blech in Position PA, anschließend Transfer in Zwangslagen
- Übungssequenz V-Naht an Rohrsektion in Position PF und PE
- Eigenständige Sichtprüfung und Vergleich mit Referenznaht
- Gemeinsame Fehleranalyse: Poren, Bindefehler, Einbrandkerben, Heißrisse bei CrNi
- Arbeitsschutz im CrNi-Schweißen: Chrom(VI)-Emissionen, Absaugung, Schutzausrüstung
- Beizpaste und Passivierungsmittel: sachgerechter Umgang, Entsorgung
- Dokumentation der Schweißparameter für die DVS®-Prüfung
- Probenentnahme und Kennzeichnung der Prüfstücke
- Prüfungsablauf: Ablauf der praktischen DVS®-Prüfung, erlaubte Hilfsmittel, Bewertungskriterien
- Nachbesprechung der Übungsnähte mit konkreten Verbesserungshinweisen
- Abschlusskontrolle aller Prüfstücke vor der Einreichung
Der Sonderlehrgang ist als Aufbaukurs konzipiert. Erst wer die Grundlagenmodule T.1 bis T.6 im E-Hand-Schweißen abgeschlossen hat, bringt die handwerkliche Basis mit, die für diesen anspruchsvollen Werkstoff notwendig ist. Sämtliche Schweißübungen werden unter Bedingungen durchgeführt, die der späteren Prüfung entsprechen. Werkzeug, Schweißgeräte und Werkstoffe werden vom Anbieter gestellt.
Lernziele:
- Unterschiede zwischen unlegierten und korrosionsbeständigen austenitischen Stählen fachgerecht einordnen
- Geeignete Elektroden für CrNi-Grundwerkstoffe nach Kennzeichnung auswählen und lagern
- Den Elektrodenhalter in sämtlichen Zwangspositionen (PC, PD, PF, PE) präzise führen
- Einwandfreie V-Nähte in verschiedenen Stoßarten an Rohrverbindungen herstellen
- Stumpfnähte an Blechen im Nachrechts-Schweißen in allen vier Pflichtpositionen ausführen
- Mehrlagentechnik für CrNi-Werkstoffe beherrschen und Zwischenlagentemperatur einhalten
- Typische Nahtfehler bei CrNi (Poren, Heißrisse, Oxidation) erkennen und vermeiden
- Nahtqualität nach EN ISO 5817 visuell beurteilen
- DVS®-Normen und IIW/EWF-Regelwerke für den Schweißprozess 111 kennen und anwenden
- Arbeitsschutz und Gefahrstoffe beim Schweißen von Chrom-Nickel-Stählen berücksichtigen
- Vorbereitung und Nachbehandlung der Schweißzone (Beizen, Passivieren) grundlegend verstehen
Zielgruppe & Voraussetzungen
Der Kurs richtet sich an ausgebildete Metallberufe und Fachkräfte mit nachgewiesenen E-Hand-Vorkenntnissen, die ihre Qualifikation gezielt auf korrosionsbeständige Stähle erweitern wollen.
- Schweißer und Schweißerinnen aus dem Anlagenbau, Behälterbau oder der Petrochemie
- Metallbauer, Konstruktionsmechaniker und Fachkräfte aus rohrleitungsintensiven Gewerken
- Industrieschweißer, die eine DVS®-Qualifikation für CrNi-Werkstoffe anstreben
- Techniker und Meister, die praktische Kenntnisse für Qualitätssicherungsaufgaben benötigen
- Wiedereinsteiger aus metallverarbeitenden Berufen, die ihre Kenntnisse aktualisieren wollen
Mindestalter 18 Jahre. Eine abgeschlossene Berufsausbildung in einem metallverarbeitenden Beruf oder gleichwertige Berufspraxis ist Voraussetzung. Grundkenntnisse im E-Hand-Schweißen (Prozess 111) werden vorausgesetzt — der Lehrgang setzt die Module T.1 bis T.6 oder vergleichbare Vorkenntnisse voraus. Deutschkenntnisse mindestens auf B1-Niveau sind erforderlich, da Sicherheitsunterweisungen und Prüfungsanforderungen auf Deutsch vermittelt werden. Körperliche Eignung für Schweißtätigkeiten in Zwangslagen wird vorausgesetzt; dazu zählt Schwindelfreiheit und Belastbarkeit der Schulter- und Armmuskulatur.
Ablauf & Abschluss
Der Sonderlehrgang findet ausschließlich im Präsenzformat statt, weil Zwangslagen-Schweißen nur durch unmittelbares Üben am realen Werkstück erlernt werden kann. Theoretische Einheiten werden kompakt gehalten und dienen der direkten Vorbereitung auf die praktischen Übungen. Dabei wechseln Demonstration durch erfahrene Schweißfachleute und eigenständiges Üben am eigenen Gerät ab. Fehleranalysen erfolgen gemeinsam an den tatsächlich gefertigten Nähten — nicht an Musterfotos. Das Feedback ist direkt, technisch präzise und auf die nächste Übungssequenz ausgerichtet.
Der Lehrgang wird in Vollzeit absolviert. Die Gesamtdauer richtet sich nach dem individuellen Trainingsfortschritt und den Vorgaben des Anbieters für die DVS®-Prüfungsvorbereitung. Präsenzunterricht ist Pflicht; eine Teilnahme in Teilzeit oder online ist nicht vorgesehen.
Mit bestandener Abschlussprüfung wird ein DVS®-IIW/EWF-Prüfzertifikat ausgestellt. Dieses Zertifikat ist international nach IIW/EWF-Standard anerkannt und gilt als Nachweis der Schweißqualifikation für Chrom-Nickel-Stähle im Prozess 111. Ergänzend erhalten die Teilnehmenden ein trägerinternes Zertifikat bzw. eine qualifizierte Teilnahmebescheinigung des Ausbildungsbetriebs. Das DVS®-Prüfzertifikat hat eine begrenzte Gültigkeitsdauer; die genauen Verlängerungsfristen sind in der entsprechenden DVS-Prüfordnung geregelt.
Nutzen & Perspektiven
Die Schweißqualifikation für Chrom-Nickel-Stähle eröffnet Zugang zu Arbeitsbereichen, die ohne diesen Nachweis verschlossen bleiben. Im Anlagenbau, in der Pharmaindustrie, in der Lebensmitteltechnik und in der Petrochemie sind korrosionsbeständige Stähle Standardwerkstoffe — und Fachkräfte mit DVS®-Zertifikat für CrNi sind entsprechend gefragt. Im Unterschied zu einer allgemeinen Schweißgrundausbildung geht dieser Lehrgang direkt auf die werkstoffspezifischen Tücken ein: Wer versteht, warum CrNi-Stähle bei falscher Wärmeführung sensibilisieren und wie man das durch die richtige Mehrlagentechnik verhindert, arbeitet nicht nur handwerklich präziser, sondern auch mit tiefem Verständnis für die Qualitätssicherung. Das DVS®-IIW/EWF-Zertifikat ist ein handfester Qualifikationsnachweis, der gegenüber Arbeitgebern und Auftraggebern ohne Erklärungsbedarf anerkannt wird. Es markiert einen klaren qualitativen Unterschied gegenüber nicht zertifizierten Schweißkenntnissen und bildet die Basis für weitere Spezialisierungen — etwa das Schweißen von Nickelbasislegierungen oder die Qualifikation nach EN ISO 9606.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Welche Vorkenntnisse sind für den Sonderlehrgang Chrom-Nickel notwendig?
Vorausgesetzt werden abgeschlossene Grundlagenmodule im E-Hand-Schweißen (Prozess 111), vergleichbar mit T.1 bis T.6. Wer diese Module noch nicht absolviert hat, sollte zunächst dort beginnen. Zusätzlich sind eine metallverarbeitende Berufsausbildung oder gleichwertige Praxis sowie Deutschkenntnisse auf B1-Niveau erforderlich.
Was unterscheidet das Schweißen von Chrom-Nickel-Stählen vom Schweißen mit Baustahl?
CrNi-Stähle haben einen höheren Ausdehnungskoeffizienten und eine geringere Wärmeleitfähigkeit als Baustahl. Falsche Wärmeführung kann zur Sensibilisierung führen, was die Korrosionsbeständigkeit des Werkstoffs zerstört. Der Lehrgang vermittelt genau die Techniken — Elektrodenauswahl, Streckenenergie, Mehrlagenstrategie — die diese Probleme verhindern.
Welchen Abschluss gibt es nach dem Kurs?
Bei bestandener Abschlussprüfung wird ein DVS®-IIW/EWF-Prüfzertifikat ausgestellt, das international anerkannt ist. Zusätzlich wird ein trägerinternes Zertifikat bzw. eine qualifizierte Teilnahmebescheinigung ausgegeben. Das DVS®-Zertifikat hat eine zeitlich begrenzte Gültigkeitsdauer gemäß DVS-Prüfordnung.
Findet der Kurs auch online oder in Teilzeit statt?
Nein. Der Sonderlehrgang ist ausschließlich als Präsenzveranstaltung in Vollzeit konzipiert. Zwangslagen-Schweißen an realen Bauteilen lässt sich nicht ferngesteuert oder in verkürzter Taktung vermitteln. Die Teilnahme vor Ort ist Voraussetzung für die DVS®-Prüfungszulassung.
Warum ist das DVS®-IIW/EWF-Zertifikat für den Arbeitsmarkt relevant?
In zahlreichen Industriebranchen — Anlagenbau, Pharmaindustrie, Petrochemie, Lebensmitteltechnik — sind CrNi-Stähle Pflichtwerkstoffe. Auftraggeber und Qualitätssicherungsabteilungen verlangen nachweisgültige Schweißqualifikationen. Das DVS®-Zertifikat ist dieser Nachweis ohne zusätzliche Erklärung.
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