Überblick
Dieser Sonderlehrgang richtet sich an Schweißerinnen und Schweißer, die das Lichtbogenschweißen (Prozess 111, E-Hand) bereits auf den Stufen E1 bis E8 erlernt haben und nun auf Rohrverbindungen und anspruchsvolle Zwangspositionen spezialisieren wollen. Im Mittelpunkt stehen V-Nähte an Rohrverbindungen, die Verarbeitung von Feinkornstahl und das sichere Führen des Elektrodenhalters in allen relevanten Schweißpositionen. Der Abschluss erfolgt mit einer DVS/IIW/EWF-Prüfung, die international anerkannte Gültigkeit besitzt.
Kursinhalte & Lernziele
Modul 1 – Werkstoffkunde: Feinkornstahl und schweißgeeignete Baustähle Feinkornstähle unterscheiden sich in ihrer metallurgischen Struktur von normalgewalzten Baustählen – beim Schweißen ergeben sich daraus besondere Anforderungen an Energieeintrag, Wärmeführung und Abkühlgeschwindigkeit. Dieses Modul legt das werkstoffkundliche Fundament für alle weiteren Schweißübungen.
- Stahlklassifikation: Baustahl, Feinkornstahl, Normbeschreibung (EN 10025)
- Metallurgische Eigenschaften: Kornfeinung, Streckgrenze, Kerbschlagzähigkeit
- Auswirkungen des Wärmeeintrags auf die Wärmeeinflusszone (WEZ)
- Kohlenstoffäquivalent (CE) und seine Bedeutung für die Schweißeignung
- Vorwärmen und Nachwärmen: Notwendigkeit, Temperaturbereiche, Mess- und Kontrollmethoden
- Elektroden und Zusatzwerkstoffe für Feinkornstahl: Typen, Eigenschaften, Lagerung
Modul 2 – Prozesskunde: E-Hand-Schweißen (Prozess 111) vertieft Der Prozess 111 ist universell einsetzbar, aber anspruchsvoll in der Ausführung. Dieses Modul geht über die Grundlagenstufen hinaus und vermittelt ein vertieftes Verständnis der Einflussfaktoren auf die Schweißqualität bei Rohrverbindungen.
- Elektrischer Lichtbogen: Aufbau, Stabilität, Störungen
- Schweißstromeinstellung in Abhängigkeit von Elektrodendurchmesser und Nahtart
- Polung und Lichtbogenlänge: Auswirkungen auf Einbrand und Nahtform
- Elektrodentypen für Zwangspositionen: basisch, rutil, zellulosisch
- Schutzmaßnahmen: Lichtbogenstrahlung, Rauche, Schlackenspritzer
- Häufige Schweißfehler bei Rohrschweißungen: Ursachen und Abhilfemaßnahmen
Modul 3 – Schweißpraxis: Stumpfnähte an Blechen in Zwangspositionen Bevor Rohrverbindungen geübt werden, werden die Zwangspositionen an Blechstücken eintrainiert. Zwangspositionen verlangen ein Umdenken gegenüber der bequemen Wannenposition – der Elektrodenhalter muss gegen Schwerkraft und Schlackenfluss gehalten werden.
- Schweißposition PC (Querposition): Kehlnaht an senkrechtem Bauteil
- Schweißposition PD (Überkopf-Kehlnaht): Technik und Sicherheitsabstand
- Schweißposition PF (Senkrecht-steigend): Pendelführung und Geschwindigkeit
- Schweißposition PE (Überkopf-Stumpfnaht): Lagen- und Deckennaht-Strategie
- Nahtvorbereitung: Kantenform, Spaltmaß, Heftnaht für Rohrverbindungen
- Nachrechts-Schweißen an Blechen: Vor- und Nachteile, Einsatzbereiche
Modul 4 – Praxisschwerpunkt: Rohrverbindungen und V-Nähte Praxisblock: Dieser Abschnitt bildet den Kern des Sonderlehrgangs. Teilnehmende stellen V-Nähte an Rohrverbindungen in verschiedenen Stoßarten und Positionen her und bereiten sich gezielt auf die DVS/IIW/EWF-Prüfung vor.
- Rohrschweißen: Herausforderungen gegenüber Blechschweißen (Rundnaht, Zugänglichkeit)
- V-Naht an Rohrverbindungen herstellen: Wurzel-, Füll- und Decklage
- Verschiedene Stoßarten an Rohrverbindungen: Stumpfstoß, T-Stoß, Eckstoß
- Führungstechnik des Elektrodenhalters in den Positionen PC, PD, PF, PE
- Nachrechts-Schweißen an Rohrverbindungen: Führung bei horizontaler Rohrachse
- Qualitätsprüfung: Sichtprüfung der Nähte nach DIN EN ISO 17637
- Dokumentation von Schweißparametern und Protokollierung der Übungsschweißungen
- Übungen unter Prüfungsbedingungen: Zeitvorgaben, Positionswechsel, Probenahmestücke
- Fehlererkennung: Poren, Bindefehler, Risse – Ursachen und Korrektur
- Schleifen und Reinigen von Schweißnähten ohne Qualitätsverlust
- Beurteilung der eigenen Schweißnaht anhand festgelegter Qualitätskriterien
- Gezielte Wiederholungsübungen für identifizierte Schwachstellen
Die Praxisphase endet mit einem vollständigen Probeschweißen, das die Bedingungen der DVS/IIW/EWF-Prüfung simuliert. Teilnehmende erhalten danach ein individuelles Rückmeldegespräch und können gezielt in die prüfungsrelevanten Positionen nachüben.
Lernziele:
- V-Nähte an Rohrverbindungen in verschiedenen Stoßarten einwandfrei herstellen
- Den Elektrodenhalter in den jeweiligen Zwangspositionen sicher und präzise führen
- Schweißpositionen PC, PD, PF und PE für Stumpfnähte an Blechen beherrschen
- Feinkornstahl und seine schweißtechnischen Besonderheiten kennen
- Materialbezogene Werkstoffkunde für Baustahl und Feinkornstahl anwenden
- Schutzmaßnahmen und Arbeitssicherheit beim E-Hand-Schweißen konsequent umsetzen
- Nahtqualität optisch beurteilen und typische Schweißfehler erkennen
- Nachwärm- und Vorwärmanforderungen für unterschiedliche Stahlsorten einhalten
- Prozessparameter (Stromstärke, Polung, Elektrodentyp) situationsgerecht wählen
- Auf die DVS/IIW/EWF-Prüfanforderungen für Rohrschweißungen vorbereitet sein
- Eigene Schweißqualität durch gezielte Übung kontinuierlich verbessern
- Verbindungsmittel und Hilfsstoffe fachgerecht auswählen und einsetzen
Zielgruppe & Voraussetzungen
Der Lehrgang setzt abgeschlossene Grundausbildung im E-Hand-Schweißen voraus und richtet sich ausschließlich an Personen, die auf Rohrschweißungen spezialisieren wollen.
- Schweißerinnen und Schweißer mit Erfahrung auf den Stufen E1–E8
- Metallbauer, Konstruktionsmechaniker und Stahlbauer, die Rohrschweißungen ausführen wollen
- Fachkräfte, die eine DVS/IIW/EWF-Qualifikation für Rohranwendungen benötigen
- Arbeitnehmende, die ihre Schweißkompetenz für spezifische Anwendungen im Rohrleitungs- oder Behälterbau erweitern wollen
- Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung und Berufspraxis im Metallbereich
- Mindestalter 18 Jahre
- Abgeschlossene Berufsausbildung im metallverarbeitenden Bereich und/oder einschlägige Berufspraxis
- Kenntnisse der Schweißstufen E1–E4 sowie E5–E8 (Grundvoraussetzung laut Lehrgangskonzept)
- Deutschkenntnisse in Wort und Schrift, mindestens Niveau B1
- Körperliche Eignung für Schweißarbeiten in Zwangspositionen
Ablauf & Abschluss
Der Lehrgang findet als Präsenzunterricht in Vollzeit statt. Theorieanteile (Werkstoffkunde, Prozesskunde) wechseln sich mit umfangreichen Schweißübungen am Werkstück ab. Die Übungszeit an Rohrverbindungen nimmt den größten Teil der Kurszeit in Anspruch. Lehrende Fachkräfte geben nach jeder Übungseinheit gezieltes Feedback zur Nahtqualität.
Die Kursdauer ist ein Sonderlehrgang mit konzentriertem Praxisanteil; die genaue Stundenzahl wird vom jeweiligen Anbieter festgelegt. Üblich sind kompakte Vollzeitkurse, da das Schweißen motorische Fertigkeiten erfordert, die durch kontinuierliches Üben gefestigt werden.
Nach bestandener Prüfung erhalten Teilnehmende ein DVS/IIW/EWF-Prüfzertifikat. Dieses Zertifikat ist international anerkannt und wird von der Deutschen Schweißtechnischen Gesellschaft (DVS) sowie den internationalen Dachorganisationen IIW (International Institute of Welding) und EWF (European Welding Federation) getragen. Ergänzend erhalten Teilnehmende ein trägerinternes Zertifikat. Die DVS/IIW/EWF-Qualifikation hat eine definierte Gültigkeitsdauer und muss nach Ablauf erneuert werden.
Nutzen & Perspektiven
Rohrschweißungen in Zwangspositionen gehören zu den anspruchsvollsten Aufgaben im gesamten Schweißerberuf – und genau deshalb sind qualifizierte Fachkräfte mit DVS/IIW/EWF-Zertifikat auf dem Arbeitsmarkt stark gefragt. Während Blechschweißen viele beherrschen, ist die Kombination aus Rohrschweißkompetenz, Feinkornstahlkunde und internationalem Zertifikat deutlich seltener. Das DVS/IIW/EWF-Prüfzertifikat wird in der gesamten EU und darüber hinaus anerkannt – ein klarer Vorteil für alle, die in internationalen Projekten, im Anlagenbau, im Rohrleitungsbau oder in der Energieversorgung eingesetzt werden wollen. Die zertifizierte Qualifikation öffnet Türen zu Arbeitgebern, die bei Schweißaufgaben an sicherheitsrelevanten Bauteilen auf nachweisbare Kompetenz bestehen. Wer diesen Sonderlehrgang absolviert, investiert in eine Spezialkompetenz, die sich von allgemeinen Schweißkenntnissen klar abgrenzt. Die Fähigkeit, V-Nähte an Rohrverbindungen in Zwangspositionen reproduzierbar in Prüfqualität auszuführen, ist ein handwerkliches Alleinstellungsmerkmal, das in keiner Stellenbeschreibung für Rohrleitungs- oder Stahlbauarbeiten fehlt. Im Rohrleitungsbau, im Druckbehälterbau und in der Energieversorgung gelten hohe Anforderungen an die Schweißqualität, weil Fehler in tragenden Verbindungen gravierende Folgen haben können. Arbeitgeber in diesen Bereichen verlassen sich deshalb auf zertifizierte Nachweise statt auf Selbsteinschätzungen. Das DVS/IIW/EWF-Prüfzertifikat ist der Industriestandard für genau diesen Nachweis – und damit die Eintrittskarte in Tätigkeitsfelder, die ohne diesen Nachweis schlicht nicht zugänglich sind. Wer nach dem Lehrgang regelmäßig schweißt und die Zertifizierung rechtzeitig verlängert, sichert sich eine dauerhafte Qualifikation, die mit steigender Berufserfahrung an Wert gewinnt.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist das DVS/IIW/EWF-Prüfzertifikat?
Es ist ein international anerkanntes Schweißerzertifikat, das von der Deutschen Schweißtechnischen Gesellschaft (DVS) und den internationalen Dachorganisationen IIW und EWF getragen wird. Es bestätigt, dass die Schweißerin oder der Schweißer V-Nähte an Rohrverbindungen in Prüfqualität ausführen kann.
Muss ich die Stufen E1–E8 abgeschlossen haben?
Ja. Dieser Sonderlehrgang baut ausdrücklich auf die Grundstufen E1–E8 auf. Ohne diese Vorkenntnisse ist eine Teilnahme nicht sinnvoll, da die Rohrschweißübungen direkt an die gelernten Grundtechniken anknüpfen.
Wie lange ist das DVS-Zertifikat gültig?
DVS/IIW/EWF-Schweißerzertifikate haben eine definierte Gültigkeitsdauer und müssen nach Ablauf erneuert werden. Die genauen Anforderungen zur Verlängerung richtet sich nach dem jeweiligen Prüfstandard und wird im Kurs erläutert.
Was sind Zwangspositionen?
Zwangspositionen sind Schweißpositionen, bei denen nicht in der bequemen Wannenposition geschweißt werden kann – zum Beispiel Querposition (PC), Überkopf (PD/PE) oder senkrecht steigend (PF). Sie stellen hohe Anforderungen an die Führung des Elektrodenhalters und gelten als besonders prüfungsrelevant.
Ist körperliche Eignung Pflicht?
Ja. Schweißen in Zwangspositionen ist körperlich anspruchsvoll – langes Arbeiten über Kopf oder in unbequemen Haltungen gehört dazu. Körperliche Eignung für diese Anforderungen wird als Voraussetzung genannt.
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