Überblick
Feinkornbaustähle sind die Werkstoffe des modernen Stahlbaus: Sie sind fester als Baustahl S235, leichter zu verarbeiten als unlegierten Hochfestern und kommen überall dort zum Einsatz, wo bei gleichem Gewicht höhere Tragfähigkeit gefragt ist — im Brückenbau, im Offshore-Bereich, im Kranbau und im Druckbehältersektor. Das MAG-Schweißen dieser Stahlgruppe erfordert spezifisches Wissen über Wärmeeinbringung, Abkühlverhalten und Schutzgasführung, das über das Grundmodul-Wissen hinausgeht. Dieser Sonderlehrgang baut auf den Modulen M.1 bis M.4 auf und bereitet auf die DVS-IIW/EWF-Zertifikatsprüfung vor.
Kursinhalte & Lernziele
Modul Werkstoffkunde Feinkornbaustähle Feinkornbaustähle wie S355NL, S420N oder S690QL unterscheiden sich von Baustahl S235 nicht nur durch ihre höhere Streckgrenze, sondern auch durch ihre Empfindlichkeit gegenüber zu großer Wärmeeinbringung und falscher Abkühlgeschwindigkeit. Dieses Modul erklärt das metallurgische Fundament, auf dem alle praktischen Schweißentscheidungen basieren.
- Was macht einen Stahl zum Feinkornbaustahl — Normen und Güteklassen
- Streckgrenzen S355, S420, S460, S690 — Unterschiede und Einsatzbereiche
- Kohlenstoffäquivalent (CE) und Vorwärmtemperatur berechnen
- Gefährdung durch Kaltrisseigung bei hoher Streckgrenze
- Wärmeeinbringung (kJ/cm) berechnen und begrenzen
- Abkühlzeitkonzept t8/5 und seine Bedeutung für die Nahtqualität
Modul Prozess 135 MAG in Zwangspositionen Das Herzstück des Lehrgangs liegt in der praktischen Beherrschung des MAG-Schweißens in Zwangslagen. Während in der Grundausbildung hauptsächlich in Wannenposition (PA) geschweißt wird, fordert die Praxis häufig Positionen, in denen das Schmelzbad gravitationsbedingt instabil ist. Dieses Modul trainiert gezielt die Kontrolle des Einbrands, die Führungstechnik und die Parametereinstellung für jede geforderte Zwangslage.
- Schweißposition PC — Quernaht, Brennerhaltung und Pendelstechnik
- Schweißposition PD — Überkopf-Horizontalnaht, Schmelzbadunterstützung
- Schweißposition PF — Steignaht aufwärts, Wärme- und Vorschubsteuerung
- Schweißposition PE — Überkopfnaht, Lichtbogenmanagement
- Nachrechts-Schweißen — Technik, Fadennaht und Pendel im Vergleich
- Schutzgasgemische für Feinkornstähle: M21 (ArCO₂), M12, reine CO₂-Anteile
Modul V-Nähte an Rohrverbindungen Das Schweißen von Rohren in festgelegter Position ist der technisch anspruchsvollste Prüfungsbestandteil. Rohre aus Feinkornbaustahl werden im Kran-, Anlagen- und Pipelinebau verwendet; sauber geschweißte Verbindungen müssen häufig höchsten Anforderungen an Zugfestigkeit und Dichtigkeit genügen. Teilnehmende üben das komplette Rohrnahtschweißen von der Vorbereitung bis zur Prüffertigstellung.
- Rohrstoßvorbereitung und Heftschweißung
- Nahtgeometrie — Öffnungswinkel, Steg, Spalt
- Wurzeldurchschweißung und Wurzelkontrolle von außen
- Fülllage und Decklage in Zwangsposition
- Sichtprüfung — Nahtüberhöhung, Einbrand, Kantenversatz
- Umgang mit verschiedenen Rohrdurchmessern und Wandstärken
Praxis-Block
- Probebleche in allen Pflichtpositionen schweiß- und prüfungsgerecht ausführen
- Mehrlagenaufbau an dicken Blechen ohne Bindefehler
- Parameterprotokolle erstellen: Strom, Spannung, Drahtvorschub, Schutzgasdurchfluss
- Vorwärmen mit Gasflamme oder Heizmatte: Temperaturmessung und Dokumentation
- Interpass-Temperatur einhalten und überwachen
- Fehlersuche: Poren, Schlackeeinschlüsse, Bindefehler visuell beurteilen
- Korrekturschweißungen: fehlerhafte Lagen ausschleifen und neu aufbauen
- Prüfstücke nach DVS-Richtlinie anfertigen und ausmessen
- Rohre in Zwangsposition: V-Naht vollständig ausführen
- Schutzgasversorgung kontrollieren und bei Störungen beheben
- Sicherheitsregeln: Umgang mit CO₂-reichen Schutzgasen und Schweißrauchen
- Abschlussprüfungsvorbereitung: Probestücke unter Prüfungsbedingungen anfertigen
Der Übungsanteil ist bewusst hoch. Nur durch wiederholtes Schweißen unter wechselnden Bedingungen wird die Motorik für anspruchsvolle Zwangslagen verlässlich und prüfungssicher. Fehler werden nicht nur korrigiert, sondern analysiert: Was hat zum Fehler geführt, wie lässt er sich vermeiden?
Lernziele:
- Feinkornbaustähle werkstoffkundig einzuordnen und ihre schweißtechnischen Besonderheiten zu berücksichtigen
- den Prozess 135 (MAG) normgerecht und sicher an Feinkornbaustählen durchzuführen
- Schweißnahtgeometrien in verschiedenen Stoßarten korrekt vorzubereiten
- einwandfreie V-Nähte an Rohrverbindungen in Zwangspositionen herzustellen
- den Brennerhalter in den Positionen PC, PD, PF und PE präzise zu führen
- Stumpfnähte an Blechen im Nachrechts-Schweißen auszuführen
- Schutzgasgemische für Feinkornstähle sachgerecht auszuwählen und einzustellen
- Wärmeeinbringung zu kontrollieren und Aufhärtungszonen zu vermeiden
- Fehler in Schweißnähten (Bindefehler, Poren, Risse) zu identifizieren und zu korrigieren
- Prüfstücke nach DVS-Vorgaben zu fertigen und zur Qualifikationsprüfung einzureichen
- alle sicherheitsrelevanten Vorschriften beim Schweißen von Hochfest-Stählen einzuhalten
Zielgruppe & Voraussetzungen
Der Lehrgang ist ausgelegt für Personen mit vorhandener MAG-Grundqualifikation, die sich auf hochfeste Werkstoffe spezialisieren möchten.
- Schweißer/innen mit Grundausbildung (M.1–M.4), die im Stahlbau, Brücken- oder Kranbau eingesetzt werden wollen
- Facharbeiter/innen im Metallbereich, die ihre Qualifikation erweitern und den Marktwert steigern möchten
- Schweißfachkräfte, die in Betrieben tätig sind, die auf hochfeste Stähle setzen
- Arbeitsuchende mit MAG-Grundkenntnissen, die durch eine DVS-Spezialisierung konkurrenzfähiger werden
Teilnehmende müssen mindestens 18 Jahre alt sein und eine abgeschlossene Berufsausbildung im Metallbereich oder vergleichbare Berufspraxis vorweisen. Kenntnisse in den MAG-Grundmodulen M.1 bis M.4 oder ein nachweisbar gleichwertiger Stand sind zwingend erforderlich. Deutschkenntnisse in Wort und Schrift auf Niveau B1 sind nötig. Körperliche Belastbarkeit für das Arbeiten in Zwangspositionen — über Kopf, gebeugt, in engen Einbausituationen — wird vorausgesetzt.
Ablauf & Abschluss
Der Lehrgang findet ausschließlich als Präsenzmaßnahme in Vollzeit statt. Die Unterrichtszeit verteilt sich auf einen knappen Theorieteil (Werkstoffkunde, Normen, Sicherheit) und einen deutlich größeren Praxisteil an MAG-Schweißanlagen. Die Gruppen sind klein, um intensive individuelle Betreuung zu ermöglichen. Zwischen den Übungseinheiten erhalten Teilnehmende direktes Feedback auf Nahtqualität und Führungstechnik.
Als Spezialisierungsaufbaukurs ist die Lehrgangszeit kürzer als eine vollständige MAG-Neuausbildung. Die exakte Dauer richtet sich nach dem Anbieter und dem Prüfungstermin der DVS-Prüfungskommission; üblicherweise sind mehrere intensive Wochen in Vollzeit einzuplanen. Rechtzeitig vor Lehrgangsende wird der Prüfungstermin abgestimmt.
Wer die Prüfung besteht, erhält das DVS-IIW/EWF-Prüfzertifikat für das MAG-Schweißen (Prozess 135) an Feinkornbaustählen. Dieses Zertifikat ist nach den Normen des Deutschen Verbands für Schweißen (DVS), des International Institute of Welding (IIW) und der European Welding Federation (EWF) ausgestellt und in der Industrie als Qualifikationsnachweis anerkannt. Ergänzend erhalten Teilnehmende ein trägerausgestelltes Zertifikat.
Nutzen & Perspektiven
Feinkornbaustähle sind im modernen Stahl- und Ingenieurbau nicht mehr wegzudenken. Wer diese Werkstoffe zertifiziert schweißen kann, öffnet sich Tätigkeitsfelder, die rein auf Grundlage-Qualifikation nicht zugänglich sind: Windkraftanlagen-Fundamente, Brückenträger, Krane und Offshore-Plattformen werden aus hochfesten Feinkornstählen gebaut — und nur zertifizierte Schweißer dürfen die tragenden Nähte setzen. Im Gegensatz zur Grundausbildung ist ein Spezialisierungszertifikat ein echter Unterscheidungsfaktor auf dem Arbeitsmarkt. Viele Betriebe suchen gezielt nach MAG-Schweißern mit nachgewiesenem Know-how für hochfeste Stähle, weil intern ausreichende Zertifizierung fehlt. Wer das DVS-Zertifikat vorweisen kann, ist verhandlungsstarker — sowohl bei der Jobsuche als auch bei der Lohngestaltung. Die internationale Gültigkeit des IIW/EWF-Zertifikats macht es zudem zu einem Werkzeug für grenzüberschreitende Mobilität. Schweißfachkräfte mit dieser Qualifikation sind in ganz Europa einsetzbar und in Ländern gefragt, die Infrastrukturprojekte auf hochfeste Stähle setzen. In einer Branche, in der Fachkräfte europaweit knapp sind, ist das ein struktureller Vorteil.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was unterscheidet Feinkornbaustähle von normalem Baustahl?
Feinkornbaustähle haben durch ihre Legierung und thermomechanische Behandlung ein feineres Gefüge als Baustahl S235. Dadurch erreichen sie höhere Streckgrenzen bei gleicher oder sogar besserer Zähigkeit. Schweißtechnisch reagieren sie empfindlicher auf zu hohe Wärmeeinbringung, weshalb spezifisches Know-how und oft Vorwärmung erforderlich sind.
Welche Vorkenntnisse muss ich haben?
Du musst die MAG-Grundmodule M.1 bis M.4 abgeschlossen haben oder einen nachweisbar gleichwertigen Kenntnisstand mitbringen. Eine abgeschlossene Berufsausbildung im Metallbereich oder einschlägige Berufserfahrung als Schweißer ist Voraussetzung.
Welche Schweißpositionen werden geprüft?
Die Prüfung umfasst Stumpfnähte an Blechen in den Positionen PC, PD, PF und PE sowie V-Nähte an Rohrverbindungen in Zwangsposition. Das Nachrechts-Schweißen ist ebenfalls Prüfungsgegenstand.
Was ist der Unterschied zwischen diesem MAG-Lehrgang und dem E-Hand-Sonderlehrgang für Chrom/Nickel?
Beide Lehrgänge sind Aufbauqualifikationen auf Grundmodul-Niveau, aber für unterschiedliche Prozesse und Werkstoffe. Dieser Lehrgang gilt für MAG (Prozess 135) und Feinkornbaustähle — typisch für Stahl- und Brückenbau. Der E-Hand-Lehrgang (Prozess 111) gilt für Chrom/Nickel-Stähle — typisch für Chemieanlagen und korrosionsbeständige Rohrleitungen.
Ist das DVS-Zertifikat befristet?
Schweißerqualifikationen nach DIN EN ISO 9606-1 haben in der Regel eine Gültigkeitsdauer von zwei Jahren, sofern keine regelmäßige betriebliche Bestätigung durch den Arbeitgeber oder eine Verlängerungsprüfung erfolgt. Genauere Informationen zur Gültigkeitsdauer und Verlängerung erteilt der jeweilige Prüfungsanbieter.
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