Überblick
Das Wolfram-Inertgasschweißen (WIG, Prozess 141) gilt als das präziseste Lichtbogenverfahren. Es erlaubt volle Kontrolle über Einbrand und Nahtgeometrie — fordert dafür aber eine deutlich feinere Handfertigkeit als MAG oder E-Hand, weil Brenner und Zusatzwerkstoff gleichzeitig koordiniert werden. Besonders an Rohrverbindungen, wo Wurzeldurchschweißung, saubere Oxidationsfreiheit und Maßhaltigkeit gleichzeitig gefordert sind, zeigt WIG seine Stärken. Dieser Sonderlehrgang baut auf den WIG-Grundlagenmodulen E1 bis E8 auf und vermittelt die sichere Anwendung des Prozesses in allen vier Zwangspositionen sowie an Rohrverbindungen mit V-Naht. Er schließt mit einer DVS®-IIW/EWF-Prüfung ab.
Kursinhalte & Lernziele
Verfahrenstechnik WIG und Werkstoff Stahl WIG-Schweißen erfordert mehr Vorbereitungsaufwand als andere Verfahren — und mehr Wissen über das Zusammenspiel von Elektrode, Schutzgas und Werkstück. Diese Einheit legt den fachlichen Rahmen für die anschließende Praxis.
- Wolfram-Elektrodentypen: WT20, WL15, WP — Einsatzbereiche, Anlaufverhalten, Standzeit
- Elektrodenschliff für Gleichstrom (DC): Kegelspitze, Geometrie, Schleifriefen und deren Einfluss
- Schutzgase für Stahl: reines Argon, Ar/H2-Mischungen — Schmelzbaddynamik im Vergleich
- Wurzelschutz an Rohrverbindungen: Formiergas (Ar, N2), Absperrung und Strömungskontrolle
- Zusatzwerkstoff-Auswahl für unlegierte Stähle und Feinkornstähle (EN ISO 636)
- Schweißparameter-Abhängigkeiten: Stromstärke, Wolframabnutzung, Einbrandprofil
Brennertechnik und Zusatzdrahtzuführung in Zwangslagen Das Kernelement des WIG-Sonderlehrgangs ist die beidhändige Koordination — Brenner in der einen, Zusatzdraht in der anderen Hand — in Positionen, in denen Schulter, Handgelenk und Körper stark beansprucht werden.
- Haltegriffe und Körperposition für PC, PD, PF, PE — ergonomische Vorbereitung
- Drahteinführwinkel und Einführrhythmus: Eintauchen ohne Kontakt zur Wolframelektrode
- Brennerabstand (Elektrodenüberstand) und Düsenabstand bei wechselnden Positionen
- Position PD (Überkopf-quer) und PE (Überkopf): Lichtbogenlänge bei Schwerkraftgegendruck
- Pendelfreiheit und Fadenführung in steigender Position PF
- Typische Anfängerfehler: Elektrodenverschmutzung durch Drahtkontakt, Anlauffarben durch Gasabriss
Rohrschweißen mit Wurzelschutz An Rohrverbindungen zeigt sich die Qualität des WIG-Schweißers besonders deutlich: Die Wurzel liegt zugänglich nur am Anfang — sobald der Brenner um den Rohrumfang wandert, wechseln Position und Nahtgeometrie ständig.
- Fugenvorbereitung: V-Naht-Geometrie, Luftspalt und Steghöhe für die Wurzellage
- Formiergas-Setup: Rohr abdichten, Gasspüldauer, Prüfung der Sauerstoffkonzentration
- Wurzellage von oben nach unten und steigend — technische Unterschiede im Schweißverhalten
- Positionswechsel am Rohrumfang: Brennerführung beim Übergang von PF nach PE
- Füll- und Decklagen an der Rohrverbindung: Lagenbreite, Überlappung, Abkühlzeiten
- Anlauffarbenbeurteilung an der Wurzel: silber/hellgelb akzeptabel, dunkelblau/grau nicht
Praxislabor: Übungen und Fehlerdiagnose Der praktische Teil nimmt den größten Anteil an Unterrichtszeit ein. Die Übungssequenz ist aufgebaut, damit jede handwerkliche Kompetenz schrittweise auf die nächste aufbaut.
- Elektrodenvorbereitung und Gerätejustierung: Hochfrequenz-Zündung, AC/DC-Umschaltung, Gasnachströmzeit
- Blechübungen in PA: Koordination von Brenner und Draht, Nahtgeometrie-Einstellübung
- Zwangslagen am Blech: Stumpfnaht-Sequenz in PC, PD, PF, PE — Sichtprüfung nach EN ISO 5817
- Erster Rohransatz: Wurzellage am Rohrsegment mit Formiergas-Setup
- Vollständige Rohrverbindung in allen Lagen — wechselnde Positionen entlang des Umfangs
- Anlauffarbenprotokoll: Beurteilung jeder Wurzel unmittelbar nach dem Schweißen
- Fehleranalyse-Runde: Ursachen von Poren, Einbrandfehlern, Wolfram-Einschlüssen
- Parameterprotokoll für jedes Prüfstück: Strom, Spannung, Gasdurchfluss, Drahtsort
- Vergleich der Prüfstücke untereinander: Was unterscheidet eine Klasse-B- von einer Klasse-C-Naht?
- Schutz vor gesundheitlichen Gefahren: Ozon, UV-Strahlung, Tungsten-Stäube — PSA und Absaugung
- Prüfungsvorbereitung: Anforderungen an die Prüfstücke, Dokumentationspflichten, Prüfungsablauf
- Abschlusskontrolle und Freigabe der Prüfstücke für die DVS®-Abnahme
Lernziele:
- Wolfram-Elektroden (Sorte, Durchmesser, Anschliff) werkstoff- und positionsgerecht auswählen und vorbereiten
- Schutzgas und Wurzelschutzgas für Stahl und Feinkornstahl korrekt wählen und einstellen
- Brenner und Zusatzwerkstoff in allen vier Zwangspositionen (PC, PD, PF, PE) koordiniert führen
- Einwandfreie V-Nähte in verschiedenen Stoßarten an Rohrverbindungen herstellen
- Stumpfnähte an Blechen im Nachrechts-Schweißen in den Positionen PC bis PE ausführen
- Wurzellage ohne Einbrand- oder Oxydationsfehler in Zwangslagen erschweißen
- Anlauffarben als Qualitätsindikator deuten und durch Schutzgasführung kontrollieren
- Lagenaufbau an Rohrverbindungen planen und gleichmäßige Decklagen herstellen
- Nahtqualität nach EN ISO 5817 beurteilen und dokumentieren
- DVS®-Normen und IIW/EWF-Regelwerke für Prozess 141 kennen und anwenden
- Prüfstücke selbstständig vorbereiten, dokumentieren und zur DVS®-Prüfung einreichen
Zielgruppe & Voraussetzungen
Der Sonderlehrgang richtet sich an Fachkräfte, die die WIG-Grundlagenmodule E1 bis E8 abgeschlossen haben und ihre Qualifikation durch eine normgerechte Zwangslagen- und Rohrschweißkompetenz im Prozess 141 erweitern wollen.
- WIG-Schweißer und -Schweißerinnen aus dem Anlagen-, Behälter- und Rohrleitungsbau
- Metallbauer und Konstruktionsmechaniker mit WIG-Grundausbildung
- Anlagenmechaniker aus der Versorgungstechnik, dem Kraftwerksbau oder der Chemie
- Rohrleitungsbauer mit Interesse an einer formal anerkannten Schweißqualifikation
- Fachkräfte, die eine bestehende WIG-Qualifikation erneuern oder erweitern möchten
Mindestalter 18 Jahre. Eine abgeschlossene Berufsausbildung in einem Metallberuf oder gleichwertige Berufspraxis ist Pflicht. Als fachliche Grundlage werden die WIG-Module E1 bis E8 — oder vergleichbare Vorkenntnisse im Prozess 141 — vorausgesetzt. Ohne diese Basis ist eine sinnvolle Teilnahme am Sonderlehrgang nicht möglich, da die beidhändige Koordination zwischen Brenner und Zusatzwerkstoff bereits beherrscht werden muss, bevor Zwangslagen trainiert werden. Deutschkenntnisse auf B1-Niveau sind erforderlich. Körperliche Eignung für Schweißtätigkeiten in allen Zwangslagen ist Voraussetzung.
Ablauf & Abschluss
Ausschließlich Präsenz in Vollzeit. WIG-Schweißen in Zwangslagen und an Rohren erfordert intensives Wiederholungstraining an realen Werkstücken — jede Übungseinheit knüpft direkt an die vorherige an. Theoretische Inhalte werden unmittelbar mit dem praktischen Übungsinhalt des Tages verknüpft. Erfahrene Schweißfachleute demonstrieren Grifftechnik und Drahtführung in den Zwangspositionen, bevor die Gruppe eigenständig übt. Fehlerdiagnosen erfolgen am frisch geschweißten Stück — nicht anhand von Fotos oder Videos.
Der Sonderlehrgang wird in Vollzeit absolviert. Die Gesamtdauer richtet sich nach dem Trainingsplan des Anbieters und den DVS®-Mindestanforderungen. Ein Teilzeit- oder Online-Format ist nicht möglich.
Nach bestandener Abschlussprüfung wird ein DVS®-IIW/EWF-Prüfzertifikat für WIG-Schweißen (Prozess 141) an Stahl ausgestellt. Das Zertifikat ist nach IIW/EWF-Standard international anerkannt. Ergänzend wird ein trägerinternes Zertifikat bzw. eine qualifizierte Teilnahmebescheinigung ausgegeben. Die Gültigkeitsdauer des Prüfzertifikats ist in der jeweiligen DVS-Prüfordnung geregelt.
Nutzen & Perspektiven
WIG (Prozess 141) ist das Verfahren der Wahl überall dort, wo es auf saubere Einwurzelungen, enge Toleranzen und visuell einwandfreie Nähte ankommt: in der Pharmaindustrie, im Kraftwerksbau, an Druckbehältern und in der Luftfahrtzulieferung. Dieser Sonderlehrgang erweitert die bestehende WIG-Qualifikation genau auf jene Positionen und Bauteilgeometrien, die im industriellen Betrieb täglich auftreten. Das DVS®-IIW/EWF-Prüfzertifikat für Prozess 141 ist kein internes Weiterbildungsdokument — es ist ein normativ geregelter Qualifikationsnachweis, der von Qualitätssicherungsabteilungen, Prüfbehörden und Auftraggebern direkt verstanden wird. Gerade bei Aufträgen, die eine Schweißer-Qualifikation nach EN ISO 9606-1 verlangen, ist dieses Zertifikat die unmittelbare Voraussetzung. Wer den Sonderlehrgang abschließt, beherrscht das WIG-Verfahren in einer Tiefe, die über den Werkstattpraktiker hinausgeht. Das Verständnis für Schutzgasführung, Anlauffarbenbeurteilung und Formiergas-Management macht die Absolventinnen und Absolventen auch für Qualitätssicherungsaufgaben und die Einweisung von Kollegen geeignet.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was macht WIG-Schweißen schwieriger als MAG oder E-Hand?
Beim WIG-Schweißen werden Brenner und Zusatzdraht gleichzeitig mit beiden Händen koordiniert. Der Lichtbogen ist dabei feiner und empfindlicher auf Abstandsänderungen als beim MAG-Verfahren. In Zwangslagen kommen erschwerte Körperhaltung und Schutzgasführung hinzu. Diese Kombination erfordert mehr Übungszeit und feinere motorische Kontrolle.
Was ist Formiergas und warum wird es beim Rohrschweißen gebraucht?
Formiergas (meist reines Argon oder ein Stickstoff-Argon-Gemisch) wird auf der Rückseite der Naht eingesetzt, um die heiße Wurzel vor Luftsauerstoff zu schützen. Ohne diesen Schutz oxidiert Stahl an der Wurzel, was zu Anlauffarben und Materialveränderungen führt. Die Wurzelschutz-Technik ist ein zentrales Thema im Lehrgang.
Welche Bedeutung haben Anlauffarben bei WIG-Schweißnähten?
Anlauffarben entstehen durch Oxidation der Schweißzone bei unzureichendem Schutzgasschutz. Silbrig-blanke oder leicht strohgelbe Bereiche gelten als akzeptabel; dunkelblau, braun oder grau deutet auf zu starke Oxidation hin. Im Lehrgang lernen die Teilnehmenden, Anlauffarben systematisch zu beurteilen und durch korrekte Gasdurchflusseinstellung zu kontrollieren.
Für welche Branchen ist die DVS®-WIG-Qualifikation besonders relevant?
WIG-Qualifikationen nach DVS® sind besonders gefragt im Kraftwerksbau, im pharmazeutischen Anlagenbau, in der Chemie- und Petrochemie sowie in der Luftfahrtzulieferung — überall dort, wo Nahtgüte und Dokumentation normgerecht nachgewiesen werden müssen.
Baut dieser Lehrgang auf den E-Schweißen-Kursen auf oder sind separate Grundlagen erforderlich?
Der Sonderlehrgang setzt die WIG-Grundlagenmodule E1 bis E8 voraus — also spezifisch das WIG-Verfahren (Prozess 141), nicht das E-Hand-Schweißen. Die Bezeichnung „E" in den Modulnummern steht für die Kursreihe, nicht für das E-Hand-Verfahren. Wer ausschließlich E-Hand- oder MAG-Kenntnisse hat, müsste zunächst die WIG-Grundmodule absolvieren.
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