Überblick
Das Wolfram-Inertgasschweißen — kurz WIG oder international TIG (Tungsten Inert Gas) — gilt als das anspruchsvollste und präziseste Lichtbogenschweißverfahren. Mit einer nicht abschmelzenden Wolframelektrode und einem Inertgasschutz (Argon oder Helium) lassen sich hochwertige, verzunderungsfreie Nähte an Stahl, CrNi-Legierungen (Edelstahl) und Aluminium erzeugen. Das Verfahren ist in der chemischen Industrie, dem Rohrleitungsbau, der Luft- und Raumfahrt sowie der Lebensmitteltechnik Standard — überall dort, wo es auf optisch einwandfreie, rückstandsfreie und mechanisch belastbare Nähte ankommt. Dieser Kurs vermittelt die theoretischen Grundlagen des WIG-Verfahrens und bildet die handwerkliche Fertigkeit aus, die für das normgerechte Schweißen nach DIN EN ISO 9606 erforderlich ist. Teilnehmende wählen ihren Werkstoffschwerpunkt — Stahl, CrNi oder Aluminium — und erwerben am Ende die entsprechende Schweißerprüfungsbescheinigung für den jeweiligen Gültigkeitsbereich.
Kursinhalte & Lernziele
Verfahrenstechnik und Ausrüstung — WIG-Grundlagen Das WIG-Verfahren unterscheidet sich von anderen Lichtbogenverfahren grundlegend durch den getrennten Zufuhrmechanismus: Die Elektrode schmilzt nicht ab; der Zusatzwerkstoff wird separat als Stab oder Draht in das Schmelzbad eingebracht. Diese Besonderheit erfordert ein koordiniertes beidhändiges Arbeiten, das sorgfältig erlernt werden muss.
- Aufbau der WIG-Schweißanlage: Stromquelle, Brenner, Kühlsystem, Gasversorgung
- Wolframelektroden: EWTh-2, EWCe-2, EWLa-2 — Kennzeichnung und Einsatzbereiche
- Elektrodenschliff für Gleichstrom (Stahl/CrNi) und für Wechselstrom (Aluminium)
- Zündung per HF und Liftarc: Vor- und Nachteile, Materialschutz
- Schutzgasauswahl und -Strömungsrate: Argon, Helium und Mischgase
- Vor- und Nachströmzeit: Schutz der heißen Elektrode und des Schmelzbads
Werkstoffkunde für WIG-Anwendungen Die Materialwahl bestimmt den gesamten Schweißprozess — Strom, Polarität, Zusatz, Vorwärmung. Besonders CrNi-Stähle und Aluminium reagieren empfindlich auf falsche Prozessführung und zeigen spezifische Fehlerbilder, die nur mit Werkstoffverständnis sicher behoben werden können.
- Unlegierter Baustahl: Schweißeignung, bevorzugte Einsatzbereiche, Gleichstrom-minus-Betrieb
- CrNi-Stähle (austenitische Edelstähle): Passivschichtschutz, Schutz vor Anlauffarben, Sigmaphasengefahr
- Aluminiumschweißen: oxidische Deckschicht und deren Abreinigung durch Wechselstrom
- Auswahl der Schweißzusätze nach Norm: ER70S-6 (Stahl), ER316L (CrNi), ER4043/ER5356 (Alu)
- Vorwärmung und Wärmeführung je Werkstoff: Warmeintrag minimieren vs. Durchschweißen sichern
- Reinheitsanforderungen an Grundwerkstoff und Zusatz: Fett, Oxide, Feuchtigkeit beseitigen
Normensystem und Nahtbeurteilung Die WIG-Schweißerprüfung ist in der DIN EN ISO 9606 normiert — für Stahl und CrNi in Teil 1, für Aluminium in Teil 2. Dieser Block erschließt die Prüflogik und vermittelt die Bewertungskriterien, an denen die eigenen Nähte gemessen werden.
- Struktur der DIN EN ISO 9606-1 und -2: Gültigkeitsbereiche, Nahtarten, Positionen
- Nahtunregelmäßigkeiten nach DIN EN ISO 6520: Poren, Einschlüsse, Risse, Anlauffarben (CrNi)
- ISO 5817 Qualitätsgruppen und ihre Grenzwerte für die Sichtprüfung
- Sichtprüfung nach DIN EN ISO 17637: Prüfbedingungen, Dokumentation, Bewertung
- Röntgen- und Biegeprüfung als zerstörende Prüfmethoden im Prüfkontext
- Prüfungsablauf: Anmeldung, Prüfbedingungen, Zeugnis und Gültigkeitsdauer
Praktische WIG-Ausbildung — Übungs- und Prüfstücke Das Herzstück des Kurses: die intensive, betreute Praxis am WIG-Brenner. Von einfachen Wannennähten bis zur anspruchsvollen Rohrschweißung wird die Handfertigkeit systematisch aufgebaut. Werkstoffspezifische Übungssequenzen sorgen dafür, dass Teilnehmende im gewählten Schwerpunkt (Stahl, CrNi oder Alu) sicher und wiederholbar schweißen können.
- Koordinationsübungen: beidhändige Führung von Brenner und Schweißstab
- Grundnähte in Wannenposition auf Blech (Stahl, CrNi, Alu)
- Steigende Nähte in PF-Position und Zwangspositionen
- Rohrnähte in fixer Einbaulage: kritischste Anforderung im WIG-Bereich
- Mehrlagentechnik: Wurzellage ohne Badunterlegung (einseitige Schweißung)
- Schweißen von CrNi mit Gasrückseitenschutz (Formiergas)
- Aluminiumschweißen mit Wechselstromquelle und Reinigungseffekt
- Fehlersimulation und gezielte Korrektur: bewusst erzeugte Fehler beseitigen
- Normierte Prüfstücke vorbereiten, schweißen und selbst begutachten
- Abnahme durch Schweißaufsichtsperson oder Prüfingenieur
- Prüfungsablauf im Echtbetrieb: Zeiteinteilung, Materialhandhabung, Dokumentation
- Nachbesprechung jeder Prüfsequenz mit konkretem Qualitätsfeedback
Lernziele:
- Das WIG-Verfahren physikalisch und verfahrenstechnisch vollständig verstehen
- Wolframelektroden: Typen, Schleifen, Handhabung und Wechsel unter Betriebsbedingungen
- Schutzgase für WIG-Schweißen auswählen: Argon, Helium und Mischgase
- Strom- und Polaritätswahl je Werkstoff (Gleichstrom für Stahl/CrNi, Wechselstrom für Alu)
- Werkstoffspezifika von unlegiertem Stahl, CrNi-Stahl und Aluminium kennen und anwenden
- Schweißzusätze (Stäbe/Drähte) werkstoffgerecht auswählen und dosieren
- Nahtformen und Schweißpositionen nach ISO 6947 korrekt ausführen
- Wurzel-, Füll- und Decklagen in WIG-Qualität schweißen
- Typische WIG-Fehlerbilder erkennen, einordnen und beheben
- Sichtprüfung nach DIN EN ISO 17637 anwenden und Nähte nach ISO 5817 beurteilen
- Prüfstücke nach DIN EN ISO 9606-1 (Stahl/CrNi) oder DIN EN ISO 9606-2 (Alu) normgerecht vorbereiten
- Sicherheits- und Gesundheitsschutz beim WIG-Schweißen einhalten
Zielgruppe & Voraussetzungen
Das Angebot richtet sich an Menschen mit Interesse an der Schweißtechnik, unabhängig von vorhandenen Ausbildungsabschlüssen.
- Einsteiger und fachfremde Interessierte mit technischem Grundverständnis und guter Handfertigkeit
- Ungelernte Metallkräfte, die ihre Qualifikation durch einen normierten Nachweis ergänzen wollen
- Arbeitssuchende und von Arbeitslosigkeit Bedrohte, die eine gefragte Schweißkompetenz aufbauen möchten
- Fachkräfte aus Metall- und Rohrleitungsberufen, die das WIG-Verfahren ergänzend erlernen wollen
- Quereinsteiger, denen eine berufliche Neuorientierung im technischen Bereich vorschwebt
Technisches Verständnis, ausgeprägte Handfertigkeit und die Bereitschaft, millimetergenaues, koordiniertes Arbeiten zu erlernen, sind die wesentlichen Voraussetzungen. Da WIG ein Zweihand-Verfahren ist, das deutlich mehr Feingefühl erfordert als E-Hand-Schweißen, ist Geduld beim Erlernen der beidhändigen Koordination unverzichtbar. Erfahrungen im Metall- oder Elektrobereich sind von Vorteil, formal aber nicht vorgeschrieben.
Ablauf & Abschluss
Das WIG-Schweißen kann nur durch intensive Wiederholung am Gerät wirklich erlernt werden. Der Kurs hat deshalb einen ausgeprägten Praxisvorrang: Theorie wird konzentriert vorangestellt, die eigentliche Lernzeit verbringen Teilnehmende mit dem Brenner in der Hand — unter engmaschiger Begleitung durch erfahrene Schweißaufsichtspersonen. Fehleranalysen nach jeder Übungssequenz machen den Fortschritt sichtbar und helfen, gezielt an Schwachstellen zu arbeiten. Die Prüfungssituation wird im Kurs mehrfach realistisch geübt, damit Prüflinge auf die Anforderungen der DIN EN ISO 9606 vorbereitet sind.
Die Kursdauer richtet sich nach Vorkenntnisstand und gewähltem Werkstoffschwerpunkt. Reine WIG-Einsteigerkurse umfassen in der Regel mehrere Wochen Vollzeitunterricht; für Personen mit Vorkenntnissen in anderen Schweißverfahren sind kürzere Aufbaukurse möglich. Genaue Termine und Dauern sind beim jeweiligen Anbieter zu erfragen.
Teilnehmende erhalten eine qualifizierte Teilnahmebescheinigung. Nach erfolgreich bestandener Prüfung wird zusätzlich die Schweißerprüfungsbescheinigung nach DIN EN ISO 9606-1 (für Stahl oder CrNi-Stahl) oder DIN EN ISO 9606-2 (für Aluminium) ausgestellt. Diese Prüfungszeugnisse werden von anerkannten Prüfstellen ausgestellt und sind international gültig. Der Gültigkeitsbereich ist werkstoff- und nahtartspezifisch im Zeugnis festgehalten.
Nutzen & Perspektiven
WIG-Schweißer sind auf dem deutschen Arbeitsmarkt vergleichsweise selten — und entsprechend gefragt. Das Verfahren ist technisch anspruchsvoll, und wer es beherrscht, kann in Industriezweigen arbeiten, die höchste Nahtqualität fordern: Chemie- und Pharmaindustrie, Rohrleitungsbau, Lebensmitteltechnik, Medizintechnik, Luft- und Raumfahrt. Die normierte Schweißerprüfung nach ISO 9606 ist dabei das entscheidende Qualifikationsmerkmal, das Arbeitgeber fordern. Das Spektrum der abgedeckten Werkstoffe macht den Kurs besonders wertvoll: Wer CrNi-Schweißen mit der erforderlichen Sauberkeit beherrscht, findet Einsatzmöglichkeiten in der Hygienetechnik und im Anlagenbau. Wer Aluminium qualitätssicher WIG-schweißen kann, ist in der Fahrzeugtechnik, im Schienenfahrzeugbau und in der Luft- und Raumfahrt einsetzbar. Die Entscheidung, welchen Werkstoffschwerpunkt man wählt, sollte daher am regionalen Arbeitsmarkt und an eigenen beruflichen Zielen ausgerichtet werden. Langfristig bietet die WIG-Qualifikation eine starke Basis für eine Weiterentwicklung zur Schweißfachperson (IWS/EWS) oder zur Schweißtechnikerin/zum Schweißtechniker — Karrierestufen, die in Unternehmen mit anspruchsvoller Schweißfertigung dringend benötigt werden.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was unterscheidet WIG-Schweißen von anderen Verfahren?
Beim WIG-Verfahren wird eine nicht abschmelzende Wolframelektrode verwendet; der Zusatzwerkstoff wird separat als Stab eingebracht. Das erfordert beidhändige Koordination und mehr Feingefühl als E-Hand- oder MAG-Schweißen, ermöglicht aber höchste Nahtqualität ohne Schlacke und Spritzer.
Welche Werkstoffe kann ich im Kurs wählen?
Der Kurs bietet Schwerpunkte für unlegierte Stähle, CrNi-Stähle (Edelstahl) und Aluminium. Der Werkstoffschwerpunkt bestimmt den Prüfungsgegenstand und das ausgestellte Zeugnis nach DIN EN ISO 9606-1 (Stahl/CrNi) oder DIN EN ISO 9606-2 (Aluminium).
Welches Zertifikat erhalte ich nach bestandener Prüfung?
Nach bestandener Prüfung wird die Schweißerprüfungsbescheinigung nach DIN EN ISO 9606 durch eine anerkannte Prüfstelle ausgestellt. Sie ist international gültig und gibt einen definierten Gültigkeitsbereich an. Alle Teilnehmenden erhalten zusätzlich eine qualifizierte Teilnahmebescheinigung.
Muss ich vorher schon schweißen können?
Vorherige Schweißerfahrung ist von Vorteil, wird aber nicht vorausgesetzt. Wichtiger sind gute Handfertigkeit, technisches Verständnis und die Bereitschaft, das beidhändige Koordinieren geduldig zu üben. Auch fachfremde und ungelernte Metallkräfte sind im Kurs willkommen.
In welchen Branchen kann ich nach dem Kurs arbeiten?
WIG-Schweißer werden vor allem in der Chemie-, Pharma- und Lebensmittelindustrie (CrNi), im Rohrleitungsbau, in der Luft- und Raumfahrt, im Schienenfahrzeugbau (Aluminium) und in der Medizintechnik gesucht. Die normierte Prüfbescheinigung ist in diesen Branchen häufig Mindestvoraussetzung für die Aufnahme von Schweißarbeiten.
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