Überblick
Die Ökobilanz eines Gebäudes ist längst kein akademisches Nischenthema mehr. QNG-Anforderungen, BEG-Förderbedingungen und EU-Klimaschutzziele machen die Lebenszyklusanalyse (LCA) zu einem unverzichtbaren Planungswerkzeug in der Bau- und Immobilienwirtschaft. Dieser Kurs vermittelt das methodische Fundament und die rechnerischen Fertigkeiten, um Ökobilanzen für Wohn- und Nichtwohngebäude eigenständig aufzustellen, zu interpretieren und gegenüber Förderinstitutionen, Bauherren und Planungsteams zu kommunizieren. Lernende arbeiten mit realistischen Beispielgebäuden, üben die Berechnung von Treibhauspotenzial (GWP) und nicht erneuerbarem Primärenergiebedarf (PENRT) und verstehen, wie Systemgrenzen, Baustoffe und TGA-Komponenten die Bilanz beeinflussen.
Kursinhalte & Lernziele
Das erste Modul schafft den konzeptionellen Rahmen: Klimapolitik, Nachhaltiges Bauen und Fördersystem. Hier verstehen Lernende, warum LCA heute in der Baupraxis unverzichtbar ist und welche regulatorischen Anforderungen dahinterstehen.
- Klimaschutzziele der EU und Deutschlands: Zielpfade, Sektorziele, Gebäudewirtschaft
- Einfluss von Wohn- und Nichtwohngebäuden auf CO2-Emissionen und Primärenergieverbrauch
- Qualitätssiegel Nachhaltiges Bauen (QNG): Anforderungen, Systemvarianten, Vergabeprozess
- Förderprogramme BEG (Bundesförderung für effiziente Gebäude) und KfN: aktuelle Förderbedingungen
- Überblick über DGNB-Kriterien mit Bezug zur Ökobilanzierung
- Rechtliche und normative Grundlagen: EN 15804, EN 15978, ISO 14040/14044
Das zweite Modul legt das methodische Fundament der Ökobilanzierung. Ohne ein klares Verständnis von Systemgrenzen, Phasenmodell und Kennzahlendefinitionen sind Berechnungen nicht belastbar — dieses Modul stellt genau diese Grundlagen her.
- Lebenszyklusphasen von Gebäuden: A1-A3 (Herstellung), B (Nutzung), C (Rückbau), D (Potenziale jenseits der Systemgrenze)
- Systemgrenzen und Bilanzgrenzen: was geht in die Rechnung, was nicht
- Definition und Bedeutung von GWP (Treibhauspotenzial) und PENRT (nicht erneuerbarer Primärenergiebedarf)
- Datengrundlagen für die Ökobilanzierung: Ökobaudat, EPDs, generische Datensätze
- Normkonforme Dokumentation und Berichtsaufbau
- Qualitätssicherung in der LCA: Sensitivitätsanalyse und Datenunsicherheiten
Das dritte Modul behandelt die Besonderheiten von Wohngebäuden und Nichtwohngebäuden in der Ökobilanz. Beide Gebäudekategorien folgen unterschiedlichen Anforderungsprofilen gemäß QNG — dieses Modul zeigt, worauf jeweils zu achten ist.
- Bilanzierung Wohngebäude: Anforderungswerte, Bilanzrahmen, Nachweisformate
- Bilanzierung Nichtwohngebäude: spezifische Kennzahlen, Nutzungsszenarien, Abweichungen
- Sockelbetrag TGA: Berechnung, Abgrenzung, Einbeziehung in die Gesamtbilanz
- Technische Anlagen Einzelerfassung: welche TGA-Komponenten separat erfasst werden müssen
- QNG-Anforderungswerte und deren Ermittlung für konkrete Projekte
- Kommunikation der Berechnungsergebnisse in Zertifizierungsanträgen
Das vierte Modul stellt die softwaregestützte Berechnung und Variantenoptimierung in den Vordergrund. An einem konkreten Beispielgebäude führen Lernende eine vollständige LCA durch.
- Einführung in LCA-Software eLCA: Benutzeroberfläche, Dateneingabe, Auswertung
- Vollständige Beispielrechnung Wohngebäude: Schritt für Schritt
- Selbstrechenübung mit vorgegebenem Beispielgebäude
- Variantenvergleich: Baustoffe, Dämmstoffe, Fenster und ihre GWP-Wirkung
- Einfluss der Energieversorgung (Fernwärme, Wärmepumpe, Gas) auf die Ökobilanz
- TGA-Komponenten vergleichen: Heizung, Lüftung, Kühlung
Praxisblock Die Übungen des Kurses bauen aufeinander auf und münden in einer vollständigen LCA.
- Klimaschutzziele auf ein konkretes Gebäudeprojekt herunterbrechen
- Systemgrenzen für ein Einfamilienhaus und ein Bürogebäude korrekt definieren
- Datenbeschaffung aus Ökobaudat für ausgewählte Baustoffe
- Berechnung GWP und PENRT anhand realer Materiallisten
- Sockelbetrag TGA für ein Beispielprojekt ermitteln
- eLCA-Software: vollständige Dateneingabe für ein Bestandsgebäude
- QNG-Anforderungswert für ein Neubau-Wohngebäude bestimmen
- Variantenvergleich Dämmstoff A vs. Dämmstoff B: GWP-Differenz berechnen
- Optimierungsempfehlung für Energieversorgungssystem formulieren
- Ergebnisbericht nach QNG-Vorgabe strukturieren
- Präsentation der LCA-Ergebnisse gegenüber einem simulierten Bauherren
- Kritische Einordnung von Berechnungsergebnissen: Stärken, Grenzen, Unsicherheiten
Der Kurs legt besonderen Wert auf das Üben mit realen Zahlen und echten Gebäudegeometrien. Nur wer die Rechenschritte verinnerlicht hat, kann die Ergebnisse einer LCA sicher interpretieren und Optimierungspotenziale erkennen.
Lernziele:
- Sie kennen die Klimaschutzziele der EU und Deutschlands und ordnen die Rolle des Gebäudesektors in der CO2-Bilanz richtig ein
- Sie verstehen den normativen Rahmen der Ökobilanzierung nach ISO 14040/14044 und seine Übertragung auf Gebäude
- Sie kennen die Anforderungen des Qualitätssiegels Nachhaltiges Bauen (QNG) an die Gebäudeökobilanz
- Sie berechnen das globale Erwärmungspotenzial (GWP) und den nicht erneuerbaren Primärenergiebedarf (PENRT) für Wohn- und Nichtwohngebäude
- Sie definieren korrekte Systemgrenzen und Bilanzgrenzen für LCA-Berechnungen
- Sie verstehen die Lebenszyklusphasen eines Gebäudes (Herstellung, Betrieb, Rückbau) und deren Beitrag zur Gesamtbilanz
- Sie erfassen technische Anlagen (TGA) einzel und verrechnen den Sockelbetrag TGA korrekt
- Sie wählen geeignete Datensätze für die Ökobilanzierung aus und kennen relevante Datenquellen
- Sie nutzen LCA-Software (z. B. eLCA) für die Gebäudebilanzierung praktisch
- Sie vergleichen Varianten — Baustoffe, Energieversorgung, TGA-Komponenten — und leiten Optimierungsempfehlungen ab
- Sie kommunizieren Berechnungsergebnisse verständlich gegenüber Bauherren, Planern und Behörden
- Sie ermitteln und interpretieren den projektspezifischen Anforderungswert gemäß QNG
Zielgruppe & Voraussetzungen
Der Kurs richtet sich an Fachleute aus Bau, Planung und Energieberatung, die LCA-Methodik für ihre tägliche Arbeit benötigen oder Zertifizierungsprozesse wie QNG betreuen.
- Architekten und Bauingenieure, die Nachhaltigkeitsnachweise für Bauanträge und Förderprogramme erbringen müssen
- Energieberater, die Ökobilanzen als Dienstleistung anbieten oder Bauherren bei QNG-Anträgen begleiten
- Projektentwickler und Bauträger, die nachhaltige Bauleitplanung strategisch positionieren
- Nachhaltigkeitsberater und CSR-Verantwortliche in Immobilienunternehmen
- Studierende und Berufseinsteiger im Bau- und Umweltingenieurwesen, die eine fundierte Methodik-Grundlage aufbauen wollen
Vorausgesetzt werden technisches Grundverständnis aus den Bereichen Chemie, Physik oder Ingenieurwesen sowie gute Deutschkenntnisse. Berufserfahrung oder ein Studium im Bereich Bauwesen, Architektur oder Energieberatung ist hilfreich. Grundlegende PC-Kenntnisse sind für die Arbeit mit der LCA-Software notwendig. Kenntnisse in Ökobilanzierung oder Treibhausgas-Bilanzierung erleichtern den Einstieg, sind aber nicht zwingend erforderlich.
Ablauf & Abschluss
Der Kurs kombiniert theoretische Einheiten mit konkreten Rechenübungen. Der Combined-Learning-Ansatz ermöglicht sowohl angeleitete Berechnungen als auch selbständiges Üben anhand von Beispielgebäuden. Fachliche Inputs werden durch softwaregestützte Praxisanteile ergänzt — Lernende arbeiten direkt mit eLCA und anderen Bilanzierungswerkzeugen. Der Kurs ist als Vollzeitmaßnahme ausgelegt.
Der Kurs ist als Vollzeitmaßnahme konzipiert. Die genaue Stundenanzahl richtet sich nach dem Durchführungsanbieter. Der Inhalt deckt einen vollständigen LCA-Berechnungszyklus von der Grundlagentheorie bis zur softwaregestützten Variantenanalyse ab.
Nach Abschluss erhalten Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein trägerinternes Zertifikat bzw. eine qualifizierte Teilnahmebescheinigung. Die Zertifizierung erfolgt durch den jeweiligen Bildungsanbieter (u. a. Horizonia, FAW, Konzept Bildung und Services). Es handelt sich um ein anerkanntes Weiterbildungszertifikat, das die Kompetenz in Gebäude-LCA nach QNG-Anforderungen dokumentiert.
Nutzen & Perspektiven
Wer Gebäude nach QNG oder im Rahmen von BEG-Förderanträgen berechnen kann, schließt eine wachsende Marktlücke. Die Nachfrage nach qualifizierten Fachleuten, die Ökobilanzen für Förderprogramme erstellen und begleiten können, übersteigt derzeit das Angebot an ausgebildeten Spezialisten. Mit diesem Kurs erwerben Sie genau die rechnerischen und normativen Kompetenzen, die für diese Aufgaben gebraucht werden. Die Beherrschung von LCA-Software wie eLCA zusammen mit einem sicheren Verständnis von Systemgrenzen, GWP-Berechnung und QNG-Anforderungswerten macht Absolventen zu wertvollen Gesprächspartnern in Planungsteams, Zertifizierungsstellen und Bauträgergesprächen. Der Kurs ist praxisorientiert genug, um direkt nach Abschluss angewendet werden zu können. Darüber hinaus ist die Fähigkeit zur Gebäudeökobilanzierung zukunftssicher: EU-Regularien wie die Taxonomie-Verordnung und die überarbeitete Gebäudeenergierichtlinie (EPBD) schreiben immer mehr Lebenszyklusbetrachtungen vor. Wer die Methodik jetzt beherrscht, ist auf die kommenden regulatorischen Anforderungen gut vorbereitet.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Welche Vorkenntnisse sind für den LCA-Kurs notwendig?
Technisches Grundverständnis aus Physik, Chemie oder Ingenieurwesen ist wichtig. Berufserfahrung in Bauwesen, Architektur oder Energieberatung erleichtert den Einstieg erheblich. Grundlegende PC-Kenntnisse sind für die Arbeit mit der Bilanzierungssoftware eLCA erforderlich.
Was ist der Unterschied zwischen GWP und PENRT?
GWP (Global Warming Potential / Treibhauspotenzial) misst die klimawirksamen Treibhausgasemissionen eines Gebäudes in CO2-Äquivalenten. PENRT (Nicht erneuerbarer Primärenergiebedarf) erfasst den Verbrauch fossiler und nuklearer Energiequellen über den gesamten Lebenszyklus. Beide Kennzahlen sind für QNG-Nachweise zwingend erforderlich.
Für welche Förderprogramme ist die LCA-Kompetenz relevant?
Primär für BEG-Förderanträge (Bundesförderung effiziente Gebäude), bei denen eine QNG-Zertifizierung höhere Fördersätze ermöglicht. Darüber hinaus für KfN-Programme und zukünftige EU-Regularien wie die Taxonomieverordnung und die überarbeitete Gebäudeenergierichtlinie.
Welche Software wird im Kurs verwendet?
Der Kurs arbeitet mit eLCA, einem frei zugänglichen, vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) entwickelten LCA-Tool. Lernende führen Berechnungen direkt in dieser Software durch und lernen die Dateneingabe, Auswertung und Interpretation der Ergebnisse.
Gilt das Zertifikat als offizieller QNG-Qualifikationsnachweis?
Das trägerinterne Zertifikat dokumentiert die erworbene LCA-Kompetenz, ist aber kein offiziell von einer Zertifizierungsstelle anerkannter QNG-Auditor-Nachweis. Für die Ausstellung von QNG-Zertifikaten sind zusätzliche Akkreditierungsschritte erforderlich, die über diesen Kurs hinausgehen.
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